Aktualisiertes Treatment

ATROCITY FILM

TREATMENT

Auf der Suche nach dem Atrocity-Film

            Woher kommen die Archivbilder vom Holocaust, die uns allen aus Dokumentar- und Spielfilmen so vertraut sind? Dokumentieren diese Bilder wirklich die Verfolgung der Juden? Oder sind sie eigentlich propagandistische Darstellungen der Täter? Was war der Zweck dieser Filme? Ging es um Dokumentation oder vielleicht eher darum, den Kreis der Mitwisser um das Publikum dieser Filme zu erweitern? Fraglos haben diese Bilder durch ihre Präsenz in der Nachkriegszeit unser Geschichtsbild maßgeblich mitgeprägt und sie tun dies bis heute.

            Der essayistische Dokumentarfilm „Atrocity-Film“ setzt sich mit diesen Bildern auseinander und sucht eine aktuelle, kritische Perspektive auf die Darstellung des Genozids an den europäichen Juden. Durch die Rekonstruktion der Entstehungsgeschichten längst ikonischer Materialien und durch eine Entschlüsselung der Chiffren zeitgenössischer Bildproduktion werden Täterblicke sichtbar gemacht und alternative Repräsentationsformen zugänglich. Der Film fragt aber auch nach der Bedeutung dieser Filme für die Tat selbst.

            Ausgehend von der Suche des amerikanischen Nachrichtenoffiziers Budd Schulberg nach dem „Atrocity-Film“ der SS als Beweismaterial für die Nürnberger Prozesse, begibt sich das Filmteam auf die Suche nach den Ursprüngen der Bilderwelten, die uns heute so selbstverständlich umgeben („…in jene Bilder-Folgen eingeführt, in welchen nun zu dauern uns verwirrt.“ Rilke). Dabei geht es zu den Archivstandorten und Filmbunkern des ehemaligen Reichsfilmarchivs in Berlin, in Westdeutschland und in Tirol, zu den Tatorten des Judenmords in Osteuropa, zu den alliierten Archiven in Washington und Moskau und schließlich befasst sich die Recherche mit den Biographien der Filmschaffenden, die laut Schulbergs Untersuchung an der Herstellung des Atrocity- oder SS-Films beteiligt waren. Da einige dieser Personen erst vor wenigen Jahren gestorben sind, reicht die Recherche also bis in die jüngere Vergangenheit. Die Übernahme des Blickwinkels Schulbergs erlaubt dabei die erste Perspektiv-Verschiebung gegenüber den heute gewohnten Sehweisen: das Nachkriegsdeutschland erscheint auf einmal nicht mehr als nur befreites, sondern auch als noch von den Tätern bewohntes Gebiet, das für den nach Beweisen suchenden Leutnant auch Gefahr bedeutet; ein Ort, an dem Angst herrscht. Lars von Triers „Europa“ (1991), „The Search“ (1948) von Fred Zinneman oder Samuel Fullers „Verboten!“ (1959) sind Filmbeispiele, die einen solchen Blick teilweise auf experimentelle Art einzunehmen versuchen. Allerdings findet lediglich in „Europa“ eine Überblendung und keine klare Trennung von Befreiten und Tätern statt. Diese Gleichzeitigkeit erhält im Angesicht eines, gleichviel hypothetischen wie klar adressierten Publikums des SS-Films eine ungewohnte Plastizität.

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            Warum wurde der Film über die Ermordung der europäischen Juden nie gefunden? Wie konnte das Wissen über dieses Filmvorhaben verlorengehen? Wie hat der Film ausgesehen?

            Schulbergs in mancher Hinsicht recht naive Perspektive auf das Filmmaterial als reines Beweismittel wird in die Jetztzeit transponiert und es beginnt eine Suche nach Belegen für den Atrocity-Film auch in der neueren historischen Forschung. Diese bringt bald überraschende Funde ans Licht. Einige der nach dem Krieg aufgetauchten Materialien ähneln den Beschreibungen der Zeitzeugen, die den Atrocity-Film gesehen haben wollen, in frappierender Weise. Immer mehr Berichte über geheime Filmaufnahmen bei den „Enterdungen“ der Aktion 1005 beispielsweise oder bei Exekutionen und in den Konzentrationslagern in West- und Osteuropa werden zusammengetragen. Bisher unveröffentlichte Untersuchungen über Filmarbeiten in holländischen Arbeitslagern werden mit den Rekonstruktionen des ersten Theresienstadtfilms in Verbindung gebracht und so entsteht nach und nach ein zusammenhängendes Bild: Zwischen 1942 und 1943 fanden überall in Europa von SS und SD geleitete Filmaufnahmen statt, die jeweils einzelne Aspekte der Judenverfolgung und Ermordung dokumentieren. Diese Filmaufnahmen haben ihre Spuren in den Erinnerungen der Täter aber auch in den überlieferten Akten hinterlassen. Aber ist das der Atrocity-Film, den Schulberg suchte?

            Unser Projekt „Atrocity Film“ befasst sich auch mit Fragen nach den privaten Filmaufnahmen von Wehrmachtssoldaten und der rechtlichen Handhabung der Filmaufnahmen von Hinrichtungen und Misshandlungen während des Zweiten Weltkriegs. Denn hier versteckt sich eine allgemein verbreitete Fehlwahrnehmung, die mit zur Verdrängung der Erinnerung an den Atrocity Film beigetragen hat: die Vorstellung, dass niemand freiwillig Fotos und Filme der eigenen Verbechen anfertigen würde. Genau das Gegenteil war der Fall. Trotz erheblicher Verbote würde überall, oft heimlich, gefilmt. Da die SS ab dem Frühjahr 1942 solche Filme systematisch sammelte. wäre es mögliche, dass solche privaten Aufnahmen Teil des SS FIlms über den Judenmord geworden sind. Die Verbreitung dieser illegalen Film- und Fotomaterialien schon während des Krieges ist Thema einer der Montage-Exkursionen, die unseren Film immer wieder auf das vorhandene Material zurückkommen lassen.   

Strukturelemente des Films

            Die eben erwähnten Montage-Exkursionen befassen sich mit bestimmten Material-Konvoluten oder Kategorien (Täterblicke, antisemitische Propaganda, Täter filmen Täter usf.) und bestehen aus Montagen, die durch stumme Zwischentitel strukturiert sind. Das Material wird ausdrücklich nicht mit Voice-Overs oder dramatisierender Musik unterlegt, sondern steht für sich und wird im Sinne einer Film-Aufführung innerhalb unseres Dokumentarfilms mediatisiert und in seiner Materialität erfahrbar präsentiert. Dies wollen wir durch sogenannte Opengate Scans erreichen, bei denen nicht nur das belichtete Material, sondern auch die Perforation und alle auf den Rändern sichtbaren Markierungen gezeigt werden. Ein Vorbild für dieses ästhetische Verfahren ist Thomas Elsaessers Dokumentarfilm „Die Sonneninsel“ (2019):

Abbildung 1: Screenshot aus „Die Sonneninsel“ – das 8mm Material wird open gate verwendet
Abbildung 2: Screenshot aus „Der Jude im Regierungsbezirk Zichenau“ – 16mm open gate

Diese Montagen wechseln sich mit farbigen, auf 35mm Filmstock gedrehten, kontemplativen Standbildern der Tatorte und der ehemaligen Archivstandorte ab, die wir selbst herstellen. Diese, im Sinne Walter Benjamins, „dialektischen Bilder“ fungieren im Fluss der Montage als Orte der Reflexion, in ihrer historischen Aufladung mit Leid und Schuld aber jeweils auch als Kristallisationskerne einer sich Stück für Stück bildenden neuen Perspektive auf den Holocaust.

Abbildung 3: Bergen-Belsen 2019

            Im Voice-Over, das unseren essayistischen Dokumentarfilm als Ganzes zusammenhält, wechseln sich unterschiedliche Blickwinkel ab. Zu Budd Schulbergs Erinnerungen hinzu kommen Rückblicke und Einschätzungen von Ray Farr, selbst Nachfahrin von Holocaustüberlebenden und Film-Archivarin in den USA sowie eine indirekte Täterperspektive aus der Generation der Großeltern in Form der Geschichte eines Gefreiten der Wehrmacht in Südrussland, der ab 1943 entlang der Tatorte des Holocaust von der Krim aus über mehrere Stationen Richtung Westen versetzt wird und dabei Zeuge und Mittäter wird, und dessen Spur sich im August 1944 in Rumänien verliert. Auch mit Hilfe von Experteninterviews wird die Frage nach dem möglichen Verbleib des Atrocity-Films erörtert.

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            Aber auch die Hintergründe der allgemeinen Fokussierung auf Filmbilder als Beweise werden ausgelotet. Die schriftlichen Berichte der Sonderkommandos in Auschwitz und anderen Lagern als unmittelbare Zugänge zum Grauen des Massenmords werden mit Hilfe von vorgelesenen Passagen der Suche nach den Filmbildern entgegengesetzt.

            Die Frage nach dem verantwortlichen Umgang mit den Archivfilmen und der Wirkung von Geschichtsbildern auf die Wahrnehmung des Materials wird ebenfalls thematisiert. Das stetige Wiederholen der immer gleichen, meist nicht als solche deklarierten Propagandabilder in Dokumentarfilmen führt zu einer Darstellung des Holocaust, die die Tätersicht als objektivierte Geschichtsschreibung erscheinen und zur einzigen Perspektive werden lässt. Der verschollene Atrocity Film hat nicht objektiv dokumentiert, sondern verzerrend dargestellt. Bis heute finden diese Verzerrungen Eingang in Dokumentarfilme. Der Blick auf das überlieferte Material und unser Geschichtsbild strukturieren sich gegenseitig.

            Schließlich wendet sich der Filmin der Öffentlichkeit kaum bekannten Szenarien und Blickwinkeln zu: den Selbstinszenierungen der Juden in Filmen und Fotos aus dem Ghetto – hier wird ein utopischer Blick auf mögliche/ alternative Zugänge zur Darstellung des Genozids versucht. Die in anderen nationalen Erinnerungskulturen, wie z.B. in Israel, dominanten heroisierenden Darstellungen werden mit der viktimisierenden Holocausterinnerung in Deutschland kontrastiert. Können wir uns die Opfer des Nationalsozialismus als selbstbewusste Helden vorstellen?

Abbildung 4: Selbstportrait der Schmuggler an der Ghettomauer

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            Besuch noch existierender Massengräber. Unabgeschlossenheit der Geschichte. Abwesende Anwesenheit der Geschichte. Die Menge an Material, das den Genozid unverhohlen darstellt, ist groß und bedrückend. Ob der Atrocity-Film tatsächlich produziert wurde, muss offenbleiben. Am Ende der Untersuchung bleibt die Frage, warum die offizielle Geschichtsschreibung in so vielen Fällen Filmmaterial aus der Perspektive der Täter ungebrochen übernommen hat.

            Der verschollene Atrocity Film ist eine Metapher einer eigentlich unvorstellbaren, verdrängten Tat. Als Täterblick ist er längst Teil unserer kollektiven Erinnerung. Es geht am Ende gar nicht darum, ihn zu finden, sondern darum, ihn zu erkennen.

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Fabian Schmidt Verfasst von:

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