Treatment

ATROCITY FILM


PROLOG

Wien, Spätsommer 2020. Zusammenpacken der Ausrüstung für den Dreh, Fahrt nach Polen, ins ehemalige Vernichtungslager Kulmhof. Autobahnen, Landstraßen, schließlich Feldwege. Als Voice Over Refelxionen und Betrachtungen, die teils aus der gleichmäßigen Fahrt auf der Autobahn, teils aus der schaukelnden Geländefahrt erfolgen. Die Betrachtungen wechseln die Perspektive, mischen sich mit Erinnerungen der Archivarin und Holocaustüberlebenden Raye Farr in 1970ern und denen von Leutnant Budd Schulberg, der 1945 auf der Suche nach dem geheimen SS-Film in bisher unbekanntes Territorium vordringt. Auf der Suche nach dem Atrocity Film als Beweis für die verheimlichten Greueltaten der Nazis. Die Feldpostbriefe des Großvaters aus der Ukraine, die mich nur als Nachricht ihrer Vernichtung durch meine Eltern erreichen. Nachforschungen über den verschollenen SS-Film parallelisiert mit einer Leerstelle: deutsche Familienerinnerung an den Judenmord.

TÄTER FILMEN TÄTER

Schulberg schaut Wochenschauen und Propagandafilme. Wo sind Hinweise auf die Kriegsverbrechen und Lager, von denen er gehört hat? Seine deutschen Informanten erzählen ihm, dass es möglicherweise ganz andere Filme gibt. Das Filmteam reist an Tatorte in Polen und nach Liepaja in Lettland. Es wurde viel gefilmt, es gab keine Hemmungen, auch keine seitens der Täter sich filmen zu lassen. Die Aufnahmen haben Trophäencharakter.

Footage-Exkursionen: „Täter filmen (Täter)“ / “Dokumentationsverbote und Sammlungstätigkeit der SS

ATROCITY FILM

Schulbergs recherchiert über die am Atrocity Film beteiligten Filmschaffenden. Überlegungen zur An- bzw- Abwesenheit des Atrocity Films in der Erinnerungskultur. Bedeutung der Täterperspektive im Nachkriegsdiskurs aus Sicht der Holocaustüberlebenden. Die Existenz des Atrocity Films ist nicht unwahrscheinlich; seine Produktion hat in den Biographien der in den letzten Jahren verstorbenen Beteiligten Spuren hinterlassen.

TROPHÄEN ZU BEWEISEN

Für die SS hatten die Aufnhamen ihrer Greueltaten Trophäencharakter. Schulberg betrachtet die Filme hingegen als Beweismaterial und nimmt eine folgenschwere Umdeutung vor: was vormals der Unterhaltung der Täter diente, wird zum Gerichtsbeweis. Als Beweis werden die Trophäen zu Dokumenten. Was unterscheidet die Blicke damals von unseren Film-Aufnahmen heute? Die Bedeutung der Täterbilder aus Sicht der Überlebenden wird beleuchtet. Raye Farr berichtet über ihre Arbeit mit Archivmaterial und die Bedeutung der Erinnerungsarbeit für die Nachkommen der Opfer des Holocaust. Der Großvater wird 1943 Zeuge (und Mittäter?) der Liquidierungen der Ghettos und der „Enterdungen“ in der Ukraine.

VERTUSCHUNG UND VERNICHTUNG

Schulbergs Suche nach den Lagerstätten des angeblich existierenden Materials über den Judenmord. Er findet die zerstörten Filmbunker (zeitgenössische Bilder der Archive). Das Drehteam folgt ihm: nach Grasleben, auf das Olympiagelände, zum Filmbunker Babelsberg. Es gibt Hinweise auf gedrehtes, aber verschollenes Material, und was darauf zu sehen war.

Montage-Exkursion: „Echos nicht überlieferter Materialien“

NATIONALSOZIALISTISCHE ERINNERUNGSKULTUR

Welche Filmmaterialien über den Judenmord gibt es überhaupt?

Montage-Exkursionen: “Lager und Kz im Film”, “Pogrom- und Exekutionsfilme”, “Deportationen”, “Zeitgenössische Darstellungen des Judenmords im Ausland”. Es gibt viel mehr Material über den Judenmord, als allgemein angenommen wird.

Montage-Exkursionen: „Theresienstadt/ Ghettofilm/ Jüdisches Zentralmuseum“

Refelxion über den auf die Zukunft orientierten Charakter der privaten und der kommunalen Filmaufnahmen – Strukturelle Parallelen zum Atrocity Film? Das Filmen der Morde ist Teil einer aktiven Erinnerungspolitik.

GESCHICHTSBILDER UND TÄTERBLICKE

Erörterung der Frage nach dem verantwortlichen Umgang mit den Archivfilmen und der Wirkung von Geschichtsbildern auf die Wahrnehmung des Materials. Das stetige Wiederholen der immer gleichen, meist nicht als solche deklarierten Propagandabilder in Dokumentarfilmen führt zu einer Darstellung des Holocaust, die die Tätersicht als objektivierte Geschichtsschreibung erscheinen und zur einzigen Perspektive werden lässt.

Exkursion: Verwendungsgeschichte des Westerborkmaterials. Der verschollene Atrocity Film hat nicht objektiv dokumentiert, sondern verzerrend dargestellt. Bis heute finden diese Verzerrungen Eingang in Dokumentarfilme.

Allgemeine Infragestellung der Fokussierung auf Filmbilder. Bedeutung der schriftliche Berichte der Sonderkommandos in Auschwitz und anderen Lagern als unmittelbarer Zugang zum Grauen des Massenmords. Der Blick auf das überlieferte Material und unser Geschichtsbild strukturieren sich gegenseitig.

Exkursion: „Täterblicke“ & „Juden lernen arbeiten“ Wahrnehmung der Verwendung von Propagandafilmen aus Sicht der Holocaustüberlebenden. Schulberg schaut „Der ewige Jude“, „Le Péril juif (1941) und Les Corrupteurs (1941).

BRECHUNG DES TÄTERBLICKS

Selbstinszenierungen in Filmen und Fotos aus dem Ghetto – eine utopischer Blick auf mögliche/ alternative Zugänge zur Darstellung des Holocaust. Besuch noch existierender Massengräber. Unabgeschlossenheit der Geschichte. Abwesende Anwesenheit der Geschichte.

EPILOG

Die Menge an Material, das den Genozid unverholen darstellt, ist gross und bedrückend. Ob der Atrocity Film tatsächlich produziert wurde, muss offenbleiben. Am Ende der Untersuchung bleibt die Frage, warum die offizielle Geschichtsschreibung in so vielen Fällen Filmmaterial aus der Perspektive der Täter ungebrochen übernommen hat.

Der verschollene Atrocity Film ist eine Metapher einer eigentlich unvorstellbaren, verdrängten Tat. Als Täterblick ist er längst Teil unseres kollektiven Gedächtnisses. Es geht am Ende gar nicht darum, ihn zu finden, sondern darum, ihn zu erkennen.

Archivfilm

Grasleben

Atrocity Film

Tatorte heute – Bergen-Belsen

Tatorte heute – Polen, Ukraine

Archive

Fabian Schmidt Verfasst von:

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